„Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ (Johannes 12,24)

Samentütchen bringen mich zum Staunen. Ja, wirklich. Wenn ich sie an Ständern im Baumarkt oder in einem Lebensmittelgeschäft entdecke und die winzigen Körner von außen befühle, dann kann ich mich nur wundern, wie aus diesen winzigen Samen die herrlichen Blumen werden oder die prallen Salate und Gemüse, die als Bilder auf den Tütchen abgebildet sind.
Und was für ein Wunder, wenn tatsächlich irgendwann aus der Erde, in die man die Samen eingesät und „begraben“ hat, zartes Grün herausbricht und nach oben zur Sonne wächst. Es ist eine Binsenwahrheit, fast schon banal: Vieles muss ganz vergehen, um dann neu zu beginnen. Die Erkenntnis, dass oft nur dann etwas neu entstehen kann, wenn das, was vorher war, vorbei und vergangen ist, liegt auf der Hand.
Wer einmal nach schwerer Krankheit wieder gesund geworden ist, wer sich aus einer Partnerschaft trennen musste, wer woanders hin umziehen musste oder auch, wer eine Idee oder langjährige geleitete Veranstaltung aufgeben muss, der kennt solche „Untergänge“ und weiß auch, dass daraus Neues erwachsen kann, wenn man warten kann. Manchmal ist Sterben und Neuwerden eine Lebensaufgabe. Und es kann sein, dass später jemand über solche Zeiten sagen kann: „Es war eine große Krisenzeit, die an meine Substanz ging. Aber ich möchte sie nicht missen.“
Wir stecken alle gerade in einer gewaltigen, noch vor Wochen unvorstellbaren Krisenzeit. Niemand wird daraus etwas Gutes ersehen oder ableiten. Im Gegenteil. Viele von uns treiben Angst und Sorge um, schlaflose Momente und Nächte und Frustration und Traurigkeit über zerstörte Pläne und Vorhaben. Ganz zu schweigen von der erzwungenen Distanz zu anderen Menschen, die uns doch eigentlich ganz fremd ist.
Daran kann man nichts Gutes finden. Ich habe aber dennoch die große Hoffnung, dass aus der Krise auch Neues entsteht, vielleicht ein neues Verantwortungsgefühl füreinander, mehr Rücksichtnahme und Solidarität mit denen, die sonst zu kurz kommen in unserer Gesellschaft. Gerade aus der gegenwärtigen Distanz heraus kann der Gemeinsinn neu erwachsen.
Es blüht und grünt draußen, es wächst und sprosst. Die Natur lebt wieder auf – und ich will es sehen als ein Hoffnungszeichen, dass auch nach dieser Krisenzeit wieder Neues auflebt. So, wie auch die Osterbotschaft in ein paar Wochen trotz leerer Kirchen gilt: Das Grab ist leer. Christus ist auferstanden. Der Tod hat nicht das letzte Wort.
Vieles stirbt in unserem Leben: Wünsche, Hoffnungen, Erwartungen, Träume. Doch die Natur macht es uns vor, wie Neues entstehen kann. Da bekommt die tote Eierschale plötzlich einen Riss und frech hackt sich ein grüner Schnabel ans Sonnenlicht. Da bricht nach langem Winter verwegen eine grüne Spitze aus dem Erdreich hervor. Da leuchten die Kirchbäume in rosarotem Blütenschaum. Ein Meer aus Hoffnung.
Lassen wir uns dieses Vertrauen nicht nehmen: Gott hält an uns fest und lässt Neues wachsen, das gute Frucht bringt.
Ihr Pfarrer R. Kittel