Gedanken zur Karwoche

 

In diesem Jahr hätten sie wieder stattfinden sollen, die Oberammergauer Passionsspiele. Vom 16. Mai bis zum 4. Oktober 2020 waren 103 Aufführungen geplant und es wäre die 42. Spielzeit gewesen.

1633 hatten die Oberammergauer feierlich gelobt, alle zehn Jahre das Leiden und Sterben Christi aufzuführen, wenn in ihrem Dorf niemand mehr an der Pest sterben würde. Denn im 17. Jahrhundert wütete die Pest als Epidemie in ganz Europa - auch in Oberammergau, wo ihr 80 Menschen zum Opfer fielen. Da nach dem Gelübde niemand mehr daran starb, fanden 1634 die ersten Passionsspiele statt.

Heute spielen rund 2.000 Mitwirkende bei der rund fünfstündigen Aufführung mit, die das Leben Christi von seinem Einzug in Jerusalem bis zu seinem Tod am Kreuz und seiner Auferstehung umfasst. Diese Passionsspiele sind mit über einer halben Million Zuschauer ein Publikumsmagnet über die Grenzen Deutschlands hinaus und für den Ort auch von wirtschaftlicher Bedeutung.

 

Aber ganz ehrlich: Geht das eigentlich, Passionsspiele mitten im Sommer aufzuführen?

Passion nach Ostern? Der erzwungene Ausfall der diesjährigen Passionsspiele zeigt uns:

Passion, das Leiden, Leid, Unglücke und Katastrophen machen keine Pause und halten sich an keine Reihenfolge. Auch vor Ostern machen sie keinen Halt.

Unzählige Menschen auf der ganzen Welt leiden seit Beginn dieses Jahres unter einem winzigen Virus. Viele sind ihm schon zum Opfer gefallen und unser Leben ist auf eine Weise einengt und beschränkt, wie wir es noch nie erlebt haben. Das gesellschaftliche und kirchliche Leben wird ausgesetzt. Auch die Oberammergauer Passionsspiele, die zum Dank für das Ende der damaligen Epidemie eingeführt wurden, müssen der Pandemie nun weichen.

 

Leid gibt es zu jeder Zeit. Menschen brauchen zu jeder Zeit Trost und Ermutigung. Sei es in der Passionszeit oder sei es im Sommer; sei es aufgrund privaten Unglücks oder der Corona-Krise.

Auf der Homepage der Oberammergauer Passionsspiele heißt es: „Fast die Hälfte der Bewohner von Oberammergau spielt mit großer Hingabe die Geschichte jenes Mannes, dessen Botschaft seit über 2.000 Jahren unglaublich vielen Menschen Hoffnung und Lebenskraft gibt.“

Und genau das Eine bleibt doch auch wahr durch die Zeiten hindurch, die Zeiten des Glücks und die des Leides: In allen Tagen unseres Lebens steht Gott in Jesus Christus an unserer Seite. Er hat das Leid selbst durchlitten bis hin zum Tod. Und darum weiß er um unsere Nöte, unsere Ängste und unsere Sorgen. Er gibt uns in allem Schwierigen Hoffnung und Lebenskraft.

Diese Ahnung, dass Gott mitten im Leid gegenwärtig ist, hilft es zu tragen. Wenn ich daran glauben kann, dass Gott mir im Leiden nah ist, dann weiß ich, dass ich nicht allein bin und dass mich einer versteht mit allem, was mich umtreibt.

 

Das ist unsere Hoffnung, unser Glaube in der Karwoche 2020.

Das Kreuz sagt uns: Du musst nur wissen und dich nur daran festhalten, dass Gott auch den Weg des Leidens und Sterbens gegangen ist.

Halten wir uns offen für die Ahnung, dass Gott selbst Menschen im Leiden berührt – auch jetzt, in diesen Tagen und Wochen. Und hoffen wir darauf, dass es nach allem Schweren auch wieder leicht werden kann, dass Neues wächst und Hoffnung blüht, dass wir für alles Kommende mit Gottes Lebenskraft gestärkt werden.

 

Ihr Pfarrer R. Kittel